Mitteilung Nr. 31

Hermann Beyer-Thoma

Bayern, Franken, Schwaben und Rußland im 18. Jahrhundert. 
  (Mai 1998). 48 S.

Inhaltsreferat


 
 
Die territorial noch zersplitterten Landschaften des heutigen Bayern hatten, abgesehen von den
letzten zwei oder drei Jahrzehnten, im 18. Jahrhundert noch kaum politische Kontakte mit der
aufstrebenden Großmacht Rußland. Deren Blick konzentrierte sich lange Zeit auf die unmittelbaren Nachbarn im Westen, Norden und Süden sowie auf die Beziehungen zum Kaiser,
dessen Territorien unser Gebiet nach Osten abschloß, und zwar nicht nur politisch, sondern auch durch das Verkehrhindernis des Bayerischen und des Böhmerwaldes. Die enge Bindung an den
Kaiser, in Falle Bayerns auch an Frankreich als Gegengewicht zu Habsburg, und die
nord-südlich ausgerichtete Verkehrsachse bestimmten in starkem Maße den politischen
Horizont. Rußland hatte traditionell vor allem über die Ostsee enge Kontakte zum protestantischen Nord- und Mitteldeutschland; die Beziehungen zur katholischen Welt
gestalteten sich auch wegen der schwierigeren Abgrenzung weit komplizierter.

Bis zum Ausgang der 60er Jahre waren die Berührungen zwischen den Gebieten des heutigen
Bayern und Rußland nur zufällig, durch die Konstellationen der großen Politik vermittelt.
Während des Nordischen Krieges wurde das Kurfürstentum Bayern als Bündnispartner
Frankreichs in einem parallelen Krieg wahrgenommen, der sich störend auf das eigene
Bündnissystem auswirkte. In den 30er und 40er Jahren war die Oberpfalz zweimal
Durchzugsgebiet für russische Truppen auf dem Weg zum Rhein, gegen den eigentlichen Feind
Frankreich.

Die Lage änderte sich insbesondere in den 70er Jahren, als Rußland zu einer aktiven
Deutschlandpolitik überging und unter der allgemeinen Losung von der Bewahrung der Reichsverfassung den Kontakt zu den kleineren und mittleren Territorien suchte, um eine weitere Stärkung Österreichs und Preußens auf Kosten der mindermächtigen Reichsstände zu erhindern.
Bayern fiel hier zumindest ansatzweise eine Schlüsselrolle beim Zugang zu den katholischen
Höfen zu, da das russische Kaiserhaus bis dahin nur mit protestantischen Höfen in
Heiratsbeziehungen eingetreten war. Katharina II. strebte nach der Rolle als Mitgarantin der
Reichsverfassung, wie sie Frankreich und Schweden schon durch den Westfälischen Frieden
zugefallen war. Die Rivalität zwischen Österreich und Preußen spielte der russischen Kaiserin
dabei in die Hände, weil sich 1769 Preußen ihrer Unterstützung in der Frage des
ansbach-bayreuthischen Erbfolge versicherte und der österreichische Anspruch auf große Teile
Bayern im Jahr 1778 zu einem militärischen Konflikt zwischen Preußen und Österreich führte,
der nur durch Vermittlung von außen gelöst werden konnte. Angesichts der Schwäche Frankreichs sehnte auch eine wachsende öffentliche Meinung die Schiedsrichterrolle Rußlands
in Deutschland herbei. Der fränkische und der bayerische Erbfolgekonflikt wurden im Frieden
von Teschen durch einen Kompromiß beigelegt, der zu Lasten Bayerns ging, weil dieses das
Innviertel an Österreich abtreten mußte. Rußland erhielt die gewünschte Stellung als Garant der
Reichsverfassung in Teschen nicht zweifelsfrei zugesichert, beanspruchte diese Stellung aber in
der Zukunft. Die traditionellen politischen Interessen erwiesen sich freilich als stärker. Infolge
des neuen Bündnisses mit Österreich engagierte sich die russische Diplomatie in den 80er
Jahren nämlich sehr stark in den Plänen, der verbliebenen wittelsbacher Linien einen Tausch
Bayerns gegen die österreichischen Niederlande schmackhaft zu machen.

Auf wirtschaftlichem Gebiet gab es im 18. Jahrhundert ebenfalls nur noch wenige direkte
Kontakte zwischen Rußland und den großen Reichsstädten Nürnberg, Frankfurt und Augsburg.
Das wirtschaftlich zurückgebliebene Kurfürstentum Bayern und die mittleren und kleineren
fränkischen Herrschaften spielten hier ohnehin keine Rolle. Die Verlagerung der Transporte auf
die Ostsee hatte Rußland weit weggerückt. Immerhin war Nürnberg mit Haushaltsgegenständen
eigener Produktion und Augsburg ­ in der Zeit Peters I. auch noch Nürnberg ­ mit hochwertigem
Kunsthandwerk auf dem russischen Markt vertreten. In beide Städte gingen gelegentlich
russische Aufträge für Präzisionsgeräte. Nürnberger Kaufleute verlegten und verkauften auch
Erzeugnisse der bayerischen Hausindustrie, und Nürnberg und Regensburg profitierten sogar
von der Verlagerung der Handelswege, weil sie einen erheblichen Teil des Zwischenhandels
mit steirischen Eisenwaren, die über die Ostsee nach Rußland exportiert wurden, in ihre Hände
bekamen. Das gleich gilt in umgekehrter Richtung für den Import russischen Juchtens.

Die Not nach dem Siebenjährigen Krieg ließ in Mainfranken Mitte der 60er Jahre des 18.
Jahrhunderts viele Menschen den Aufrufen Katharinas II. folgen, sich in Rußland niederzulassen. Bayern und die auf die Entwicklung ihrer Gewerbe bedachte Markgrafschaft Bayreuth verboten
die Werbung und Auswanderung freilich. Während des ganzen 18. Jahrhunderts suchte Rußland
darüber hinaus Fachleute zu gewinnen. Der Beitrag Altbayerns war hier minimal. Die Reichsstädte, insbesondere Nürnberg und Augsburg mit ihrem hochentwickelten Handwerk,
erregten häufiger die Aufmerksamkeit der russischen Werber. Waren über Auswanderung und
auf andere Weise einmal Beziehungsnetze aufgebaut, so folgten weitere Menschen auf eigene
Faust.

Diese Beobachtung gilt auch für die wissenschaftlichen Beziehungen. Die norddeutsch-protestantische Vorherrschaft an der 1725 gegründeten St. Petersburger Akademie
beruhte auf traditionellen Kontakten und bewußter Entscheidung für die Aufklärung im Geiste
Christian Wolffs aus Halle. Die Voraussetzungen waren auch sonst ungünstig: Das katholische
Kurfürstentum Bayern und die geistlichen Territorien Frankens mit den Universitäten Ingolstadt
und Würzburg kamen aus religiösen Gründen kaum in Betracht. Die nürnbergische Universität
Altdorf war im Niedergang, und die Universität Erlangen wurde erst 1743 gegründet. Eine
gewisse Bedeutung erlangten immerhin die protestantischen Reichsstädte. So versuchte man, den Nürnberger Mathematiker und Mechaniker Johann Gabriel Doppelmayr für die neue Akademie
zu gewinnen. Die fränkischen und schwäbischen Gelehrten, die aus den heute zu Bayern
gehörenden Gebieten tatsächlich nach St. Petersburg gingen, stammten zwar alle aus Reichsstädten, aber ihr Weg scheint stets über norddeutsche Universitäten geführt zu haben. Daß insbesondere die beiden Reichsstädte Nürnberg und Regensburg durchaus bedeutende und
namhafte Freizeitgelehrte ­ wenn auch nicht in jedem Fall originelle Forscher ­ besaßen, zeigen
die Ehrenmitgliedschaften Doppelmayrs und des Regensburger Geistlichen Jakob Christian
Schäffer in der St. Petersburger Akademie. Die gleiche Ehre erreichten auch zwei Erlanger
Professoren, allerdings vornehmlich aufgrund der Positionen, die sie im innerdeutschen
Wissenschaftsleben einnahmen. Bei den Korrespondenten der St. Petersburger Akademie war
die Dominanz von Nürnberg und Regensburg eher noch auffälliger. Im katholischen
Kurfürstentum ruhten die Kontakte dagegen auf ganz wenigen Schultern, und die geistlichen
Territorien Frankens fielen ganz aus. Auch bei den gescheiterten Kontaktaufnahmen zeigt sich
das größere Interesse des protestantischen Teiles des heutigen Bayern an Rußland. Dieses
Interesse entwickelte sich freilich kaum jemals bis zu Beiträgen einheimischer Publizisten und
Gelehrter zu der in Nord- und Mitteldeutschland ausgetragenen Debatte über die Reformen
Peters I. und die neue Rolle Rußlands in Europa.