Hermann Beyer-Thoma |
Bis zum Ausgang der 60er Jahre waren die Berührungen zwischen den Gebieten
des heutigen
Bayern und Rußland nur zufällig, durch die Konstellationen der großen
Politik vermittelt.
Während des Nordischen Krieges wurde das Kurfürstentum Bayern als Bündnispartner
Frankreichs in einem parallelen Krieg wahrgenommen, der sich störend
auf das eigene
Bündnissystem auswirkte. In den 30er und 40er Jahren war die Oberpfalz
zweimal
Durchzugsgebiet für russische Truppen auf dem Weg zum Rhein, gegen
den eigentlichen Feind
Frankreich.
Die Lage änderte sich insbesondere in den 70er Jahren, als Rußland zu
einer aktiven
Deutschlandpolitik überging und unter der allgemeinen Losung von der
Bewahrung der Reichsverfassung den Kontakt zu den kleineren und mittleren
Territorien suchte, um eine weitere Stärkung Österreichs und Preußens auf
Kosten der mindermächtigen Reichsstände zu erhindern.
Bayern fiel hier zumindest ansatzweise eine Schlüsselrolle beim Zugang
zu den katholischen
Höfen zu, da das russische Kaiserhaus bis dahin nur mit protestantischen
Höfen in
Heiratsbeziehungen eingetreten war. Katharina II. strebte nach der
Rolle als Mitgarantin der
Reichsverfassung, wie sie Frankreich und Schweden schon durch den Westfälischen
Frieden
zugefallen war. Die Rivalität zwischen Österreich und Preußen spielte
der russischen Kaiserin
dabei in die Hände, weil sich 1769 Preußen ihrer Unterstützung in der
Frage des
ansbach-bayreuthischen Erbfolge versicherte und der österreichische
Anspruch auf große Teile
Bayern im Jahr 1778 zu einem militärischen Konflikt zwischen Preußen
und Österreich führte,
der nur durch Vermittlung von außen gelöst werden konnte. Angesichts
der Schwäche Frankreichs sehnte auch eine wachsende öffentliche Meinung
die Schiedsrichterrolle Rußlands
in Deutschland herbei. Der fränkische und der bayerische Erbfolgekonflikt
wurden im Frieden
von Teschen durch einen Kompromiß beigelegt, der zu Lasten Bayerns
ging, weil dieses das
Innviertel an Österreich abtreten mußte. Rußland erhielt die gewünschte
Stellung als Garant der
Reichsverfassung in Teschen nicht zweifelsfrei zugesichert, beanspruchte
diese Stellung aber in
der Zukunft. Die traditionellen politischen Interessen erwiesen sich
freilich als stärker. Infolge
des neuen Bündnisses mit Österreich engagierte sich die russische Diplomatie
in den 80er
Jahren nämlich sehr stark in den Plänen, der verbliebenen wittelsbacher
Linien einen Tausch
Bayerns gegen die österreichischen Niederlande schmackhaft zu machen.
Auf wirtschaftlichem Gebiet gab es im 18. Jahrhundert ebenfalls nur
noch wenige direkte
Kontakte zwischen Rußland und den großen Reichsstädten Nürnberg, Frankfurt
und Augsburg.
Das wirtschaftlich zurückgebliebene Kurfürstentum Bayern und die mittleren
und kleineren
fränkischen Herrschaften spielten hier ohnehin keine Rolle. Die Verlagerung
der Transporte auf
die Ostsee hatte Rußland weit weggerückt. Immerhin war Nürnberg mit
Haushaltsgegenständen
eigener Produktion und Augsburg in der Zeit Peters I. auch noch Nürnberg
mit hochwertigem
Kunsthandwerk auf dem russischen Markt vertreten. In beide Städte gingen
gelegentlich
russische Aufträge für Präzisionsgeräte. Nürnberger Kaufleute verlegten
und verkauften auch
Erzeugnisse der bayerischen Hausindustrie, und Nürnberg und Regensburg
profitierten sogar
von der Verlagerung der Handelswege, weil sie einen erheblichen Teil
des Zwischenhandels
mit steirischen Eisenwaren, die über die Ostsee nach Rußland exportiert
wurden, in ihre Hände
bekamen. Das gleich gilt in umgekehrter Richtung für den Import russischen
Juchtens.
Die Not nach dem Siebenjährigen Krieg ließ in Mainfranken Mitte der
60er Jahre des 18.
Jahrhunderts viele Menschen den Aufrufen Katharinas II. folgen, sich
in Rußland niederzulassen. Bayern und die auf die Entwicklung ihrer Gewerbe
bedachte Markgrafschaft Bayreuth verboten
die Werbung und Auswanderung freilich. Während des ganzen 18. Jahrhunderts
suchte Rußland
darüber hinaus Fachleute zu gewinnen. Der Beitrag Altbayerns war hier
minimal. Die Reichsstädte, insbesondere Nürnberg und Augsburg mit ihrem
hochentwickelten Handwerk,
erregten häufiger die Aufmerksamkeit der russischen Werber. Waren über
Auswanderung und
auf andere Weise einmal Beziehungsnetze aufgebaut, so folgten weitere
Menschen auf eigene
Faust.
Diese Beobachtung gilt auch für die wissenschaftlichen Beziehungen.
Die norddeutsch-protestantische Vorherrschaft an der 1725 gegründeten St.
Petersburger Akademie
beruhte auf traditionellen Kontakten und bewußter Entscheidung für
die Aufklärung im Geiste
Christian Wolffs aus Halle. Die Voraussetzungen waren auch sonst ungünstig:
Das katholische
Kurfürstentum Bayern und die geistlichen Territorien Frankens mit den
Universitäten Ingolstadt
und Würzburg kamen aus religiösen Gründen kaum in Betracht. Die nürnbergische
Universität
Altdorf war im Niedergang, und die Universität Erlangen wurde erst
1743 gegründet. Eine
gewisse Bedeutung erlangten immerhin die protestantischen Reichsstädte.
So versuchte man, den Nürnberger Mathematiker und Mechaniker Johann Gabriel
Doppelmayr für die neue Akademie
zu gewinnen. Die fränkischen und schwäbischen Gelehrten, die aus den
heute zu Bayern
gehörenden Gebieten tatsächlich nach St. Petersburg gingen, stammten
zwar alle aus Reichsstädten, aber ihr Weg scheint stets über norddeutsche
Universitäten geführt zu haben. Daß insbesondere die beiden Reichsstädte
Nürnberg und Regensburg durchaus bedeutende und
namhafte Freizeitgelehrte wenn auch nicht in jedem Fall originelle
Forscher besaßen, zeigen
die Ehrenmitgliedschaften Doppelmayrs und des Regensburger Geistlichen
Jakob Christian
Schäffer in der St. Petersburger Akademie. Die gleiche Ehre erreichten
auch zwei Erlanger
Professoren, allerdings vornehmlich aufgrund der Positionen, die sie
im innerdeutschen
Wissenschaftsleben einnahmen. Bei den Korrespondenten der St. Petersburger
Akademie war
die Dominanz von Nürnberg und Regensburg eher noch auffälliger. Im
katholischen
Kurfürstentum ruhten die Kontakte dagegen auf ganz wenigen Schultern,
und die geistlichen
Territorien Frankens fielen ganz aus. Auch bei den gescheiterten Kontaktaufnahmen
zeigt sich
das größere Interesse des protestantischen Teiles des heutigen Bayern
an Rußland. Dieses
Interesse entwickelte sich freilich kaum jemals bis zu Beiträgen einheimischer
Publizisten und
Gelehrter zu der in Nord- und Mitteldeutschland ausgetragenen Debatte
über die Reformen
Peters I. und die neue Rolle Rußlands in Europa.