Mitteilung Nr. 27

Thilo Stenzel

Das Rußlandbild des 'kleinen Mannes'.
Gesellschaftliche Prägung und Fremdwahrnehmung in Feldpostbriefen aus dem Ostfeldzug (1941-1944/45). Juni 1998

Inhaltsreferat


 
 

 Feldpost wird in dieser Arbeit als alltagsgeschichtliche Quelle untersucht, die es erlaubt, tiefer in die Befindlichkeitsschichten ihrer Verfasser einzutauchen, als es normative Quellen wie Generalstabstagebücher erlauben. In einer ausführlichen Kritik werden die Vor- und Nachteile von Briefen als Quelle dargestellt. Besonderes Gewicht erhalten Probleme der Repräsentativität, Authentizität und der Quantifizierbarkeit.
Die private Dimension der Wahrnehmung von Wehrmachtangehörigen an der Ostfront zwischen 1941-1944/45 steht im Zentrum dieser Arbeit. Untersucht werden die Wahrnehmungsmodi und Sinnkonstruktionen, mit deren Hilfe man sich ein Bild vom Feind - das schließt die sowjetische bzw. osteuropäische Zivilbevölkerung mit ein - zu machen versuchte. Für die interpretativen Verfahren wird dabei immer berücksichtigt, daß gesellschaftlicher Sinn ein überindividuelles Produkt einer Sprach- und Deutungsgemeinschaft ist, die für die Fremdwahrnehmung relevante Deutungsmuster schon vor dem Kriegseinsatz prägte.
Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 begann eine beispiellose Propagandaschlacht um das Deutungsmonopol im Reich. Was den bolschewistischen Feind anging, so prasselte auf die Soldaten durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda und die wehrmachtinternen Propagandaabteilungen ein einseitig negativ gefärbtes Bild ein, das in der Verbalinjurie 'asiatischer Untermensch' einen typischen Ausdruck fand. Die hier sowohl diachron als auch synchron untersuchten Briefe (ca. 1000) von 227 Soldaten sollen Aufschluß darüber geben, inwieweit die menschenverachtende NS-Propaganda die Mannschaftsdienstgrade, den 'kleinen Soldaten', bei der Wahrnehmung des Fremden beeinflußte und steuerte.
Ein großer Teil der NS-Forschung geht von einer starken Indoktrinationskraft der Propaganda aus, die den Wehrmachtangehörigen in einer festen ideologischen Klammer hielt. Viele der hier untersuchten Soldaten reagierten allerdings schon sehr bald mit eigenen Erklärungsversionen, die sie mittels Feldpost an die Familie, Verwandte oder Freunde schickten. In den ersten Tagen des Überfalls auf die Sowjetunion artikulierten viele Schreiber das Thema Feind weitgehend offen. Es überwogen noch klar die von der Propaganda vorgesetzten und kritiklos übernommenen Formeln der 'Untermenschen-Rhetorik'. Als Besatzungssoldaten konnten sich aber schon bald immer mehr Wehrmachtangehörige von der Lage der Zivilbevölkerung, vor allem der armen Landbevölkerung, ein eigenes Bild machen. Die zuvor unreflektierte rassistische Arroganz gegenüber allem, was sowjetisch war, wurde ansatzweise von Äußerungen der Anerkennung und eines unspezifischen Mitgefühls durchsetzt. Doch auch die Beschreibungen, die in vorgefundenen Zuständen Vorurteile bestätigt sahen, blieben Standard der privaten Berichterstattung. Armut und Rückständigkeit waren kein Grund für Mitgefühl oder gar Mitleid, sondern ein nicht anders zu erwartender Beweis des 'Bolschewismus' im euphemistisch genannten 'Sowjetparadies'.
Schon im Juli 1941 schlug die unerwartete Kampfkraft des Feindes die Wahrnehmung vieler in ihren Bann. Sie schwankte zwischen Anerkennung, Zweifel und dem propagandakonformen Erklärungsmuster, daß ein 'vertierter' Soldat auch wie ein Tier kämpft; verblendet von bolschewistischer Propaganda und Erziehung.
Mit den schweren Niederlagen im Winter 1941/42 gab es einen ersten gravierenden Bruch. Die propagandistisch eingefärbten Verbalinjurien verschwanden oder wurden verändert. Aus 'Bolschewik' wurde zunehmend 'Russe'. Die Tendenz, den Feind mit neutraleren Masse-Metaphern zu assoziieren, ging mit seiner schleichenden Entpolitisierung einher.
Die propagandistische Antwort des Reichspropagandaministeriums hatte bis zum Zeitpunkt der Abwehrkämpfe an den Reichsgrenzen Ende 1944-1945 wenig für die Sinnfindung der Soldaten zu bieten. Allein die Angst vor Rache durch den zuvor geschundenen Gegner ließ gegen Ende des Krieges noch einmal verstärkt ein aggressiv-rassistisch gefärbtes Vokabular aufkommen.
Auch wenn die Extremformen Empathie und propagandistisch geprägter Haß während des ganzen Krieges präsent blieben, ja sogar nebeneinander vorkommen konnten, läßt sich doch ein allmählicher Stimmungs- und Wahrnehmungswandel ab Winter 1941/42 feststellen, der für den hier untersuchten Briefumfang folgendes verdeutlicht: in der Sprachpraxis des 'kleinen Mannes' gibt es bis auf stark situationsbedingte Ausnahmen wenig Hinweise, daß mit der Dauer des Krieges die Fremdwahrnehmung fanatischer wurde. Es überwogen neutralere Formen der Berichterstattung an die Heimat. Es soll nicht bestritten werden, daß das NS-System durch seine Vielzahl von Indoktrinationskanälen einen gewaltigen Einfluß auf alle Bereiche des Lebens ausübte. Doch konnte sich die Plausibilitätssuche eines Großteils der Soldaten nicht über das offizielle Sinnangebot befriedigen lassen. Eigene Deutungskonzepte setzten sich durch, die für die Soldaten selber und für die Empfänger ihrer Briefe Sinn stiften sollten. Diese neuen Sinnkonstruktionen kollidierten jedoch mit den Erlebnissen an der Ostfront. Krisen stellten sich ein, die nach neuen Orientierungspunkten verlangten, und schlugen sich in Konspirationsvorstellungen, religiösen Fluchten und Gerüchten nieder.
Wenn die Soldaten der Wehrmacht im Laufe des Krieges der Propaganda gegenüber indifferenter wurden, als es vielfach in der Forschungsliteratur oder in Apologien nach 1945 dargestellt wird, muß auch die Frage nach der Eigenverantwortlichkeit sozialen Handelns im Krieg neu beleuchtet werden. Es muß die Frage gestellt werden, ob Gewalt, autoritäre Führung in einem totalen System sowie Gruppenzwang eine kodierte Handlungsanweisung verbergen, die Legitimation für Greueltaten einerseits, die Suspension von Eigenverantwortung andererseits hervorbringt.