Thilo Stenzel |
Feldpost wird in dieser Arbeit als alltagsgeschichtliche Quelle
untersucht, die es erlaubt, tiefer in die Befindlichkeitsschichten ihrer
Verfasser einzutauchen, als es normative Quellen wie Generalstabstagebücher
erlauben. In einer ausführlichen Kritik werden die Vor- und Nachteile von
Briefen als Quelle dargestellt. Besonderes Gewicht erhalten Probleme der
Repräsentativität, Authentizität und der Quantifizierbarkeit.
Die private Dimension der Wahrnehmung von Wehrmachtangehörigen an der
Ostfront zwischen 1941-1944/45 steht im Zentrum dieser Arbeit. Untersucht
werden die Wahrnehmungsmodi und Sinnkonstruktionen, mit deren Hilfe man
sich ein Bild vom Feind - das schließt die sowjetische bzw. osteuropäische
Zivilbevölkerung mit ein - zu machen versuchte. Für die interpretativen
Verfahren wird dabei immer berücksichtigt, daß gesellschaftlicher Sinn
ein überindividuelles Produkt einer Sprach- und Deutungsgemeinschaft ist,
die für die Fremdwahrnehmung relevante Deutungsmuster schon vor dem Kriegseinsatz
prägte.
Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 begann eine beispiellose
Propagandaschlacht um das Deutungsmonopol im Reich. Was den bolschewistischen
Feind anging, so prasselte auf die Soldaten durch das Reichsministerium
für Volksaufklärung und Propaganda und die wehrmachtinternen Propagandaabteilungen
ein einseitig negativ gefärbtes Bild ein, das in der Verbalinjurie 'asiatischer
Untermensch' einen typischen Ausdruck fand. Die hier sowohl diachron als
auch synchron untersuchten Briefe (ca. 1000) von 227 Soldaten sollen Aufschluß
darüber geben, inwieweit die menschenverachtende NS-Propaganda die Mannschaftsdienstgrade,
den 'kleinen Soldaten', bei der Wahrnehmung des Fremden beeinflußte und
steuerte.
Ein großer Teil der NS-Forschung geht von einer starken Indoktrinationskraft
der Propaganda aus, die den Wehrmachtangehörigen in einer festen ideologischen
Klammer hielt. Viele der hier untersuchten Soldaten reagierten allerdings
schon sehr bald mit eigenen Erklärungsversionen, die sie mittels Feldpost
an die Familie, Verwandte oder Freunde schickten. In den ersten Tagen des
Überfalls auf die Sowjetunion artikulierten viele Schreiber das Thema Feind
weitgehend offen. Es überwogen noch klar die von der Propaganda vorgesetzten
und kritiklos übernommenen Formeln der 'Untermenschen-Rhetorik'. Als Besatzungssoldaten
konnten sich aber schon bald immer mehr Wehrmachtangehörige von der Lage
der Zivilbevölkerung, vor allem der armen Landbevölkerung, ein eigenes
Bild machen. Die zuvor unreflektierte rassistische Arroganz gegenüber allem,
was sowjetisch war, wurde ansatzweise von Äußerungen der Anerkennung und
eines unspezifischen Mitgefühls durchsetzt. Doch auch die Beschreibungen,
die in vorgefundenen Zuständen Vorurteile bestätigt sahen, blieben Standard
der privaten Berichterstattung. Armut und Rückständigkeit waren kein Grund
für Mitgefühl oder gar Mitleid, sondern ein nicht anders zu erwartender
Beweis des 'Bolschewismus' im euphemistisch genannten 'Sowjetparadies'.
Schon im Juli 1941 schlug die unerwartete Kampfkraft des Feindes die
Wahrnehmung vieler in ihren Bann. Sie schwankte zwischen Anerkennung, Zweifel
und dem propagandakonformen Erklärungsmuster, daß ein 'vertierter' Soldat
auch wie ein Tier kämpft; verblendet von bolschewistischer Propaganda und
Erziehung.
Mit den schweren Niederlagen im Winter 1941/42 gab es einen ersten
gravierenden Bruch. Die propagandistisch eingefärbten Verbalinjurien verschwanden
oder wurden verändert. Aus 'Bolschewik' wurde zunehmend 'Russe'. Die Tendenz,
den Feind mit neutraleren Masse-Metaphern zu assoziieren, ging mit seiner
schleichenden Entpolitisierung einher.
Die propagandistische Antwort des Reichspropagandaministeriums hatte
bis zum Zeitpunkt der Abwehrkämpfe an den Reichsgrenzen Ende 1944-1945
wenig für die Sinnfindung der Soldaten zu bieten. Allein die Angst vor
Rache durch den zuvor geschundenen Gegner ließ gegen Ende des Krieges noch
einmal verstärkt ein aggressiv-rassistisch gefärbtes Vokabular aufkommen.
Auch wenn die Extremformen Empathie und propagandistisch geprägter
Haß während des ganzen Krieges präsent blieben, ja sogar nebeneinander
vorkommen konnten, läßt sich doch ein allmählicher Stimmungs- und Wahrnehmungswandel
ab Winter 1941/42 feststellen, der für den hier untersuchten Briefumfang
folgendes verdeutlicht: in der Sprachpraxis des 'kleinen Mannes' gibt es
bis auf stark situationsbedingte Ausnahmen wenig Hinweise, daß mit der
Dauer des Krieges die Fremdwahrnehmung fanatischer wurde. Es überwogen
neutralere Formen der Berichterstattung an die Heimat. Es soll nicht bestritten
werden, daß das NS-System durch seine Vielzahl von Indoktrinationskanälen
einen gewaltigen Einfluß auf alle Bereiche des Lebens ausübte. Doch konnte
sich die Plausibilitätssuche eines Großteils der Soldaten nicht über das
offizielle Sinnangebot befriedigen lassen. Eigene Deutungskonzepte setzten
sich durch, die für die Soldaten selber und für die Empfänger ihrer Briefe
Sinn stiften sollten. Diese neuen Sinnkonstruktionen kollidierten jedoch
mit den Erlebnissen an der Ostfront. Krisen stellten sich ein, die nach
neuen Orientierungspunkten verlangten, und schlugen sich in Konspirationsvorstellungen,
religiösen Fluchten und Gerüchten nieder.
Wenn die Soldaten der Wehrmacht im Laufe des Krieges der Propaganda
gegenüber indifferenter wurden, als es vielfach in der Forschungsliteratur
oder in Apologien nach 1945 dargestellt wird, muß auch die Frage nach der
Eigenverantwortlichkeit sozialen Handelns im Krieg neu beleuchtet werden.
Es muß die Frage gestellt werden, ob Gewalt, autoritäre Führung in einem
totalen System sowie Gruppenzwang eine kodierte Handlungsanweisung verbergen,
die Legitimation für Greueltaten einerseits, die Suspension von Eigenverantwortung
andererseits hervorbringt.