Mitteilung Nr. 26
Martin Linde
Das "Christlich Gesprech" des Tilman Brakel.
Untersuchungen zum Weltbild und Geschichtsverständnis eines livländischen
Predigers des 16. Jahrhunderts.
(Juni 1998), 103 S.
Inhaltsreferat
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Das 16. Jahrhundert stellte eine späte und letzte Blütezeit der Literatur
und Historiographie des mittelalterlichen Livland dar. Im Blickfeld der
Nachwelt, mit besonderer Ausprägung der Historiographie und Literaturwissenschaft
des 20. Jahrhunderts, stehen hierbei zuerst die landesgeschichtlich orientierten
Chronikwerke Johannes Renners, Salomon Hennings, Franz Nyenstedes, vor
allem aber die „Chronica der Prouintz Lyfflandt“ Balthasar Rüssows. Neben
diesen genannten „großen“ Geschichtswerken findet sich eine erstaunliche
Bandbreite „kleinerer“ Livland gewidmete Werke, die in damaliger Zeit durchaus
gelesen, heute allenfalls am Rande Beachtung finden.
Das 1579 in Antwerpen gedruckte „Christlich Gesprech von der
grawsamen Zerstörung in Lifland...“ des 1576 aus seiner livländischen Heimat
geflohenen Predigers Timann Brakel (um 1530-1602) ist ein Zeugnis der Aktualität
des Livländischen Krieges in Westeuropa, vor allem aber ein anschauliches
Beispiel für die auch aus den Geschichtswerken Tilman Bredenbachs und Balthasar
Rüssows bekannte theologische Ausdeutung livländischer Geschichte.
In einem autobiographisch gefärbten Dialog zwischen dem vor dem Krieg
in Livland geflohenen Prediger „Christianus“ und seinen Gastgebern im Reich
(„Justus“, „Pius“ und „Severinus“ - die Namen sind sprechende Namen) entfaltet
der lutherische Bußprediger Brakel anhand zweier ineinander verwobener
Exempelketten dem Reich ein mahnendes Bild gottfernen und gottdienenden
Lebenswandels. Grundlage der Darstellung ist ein von Brakel bewußt thematisiertes
Mißverständnis: die Gesprächspartner des „Christianus“ erwarten konkrete
Informationen eines Augenzeugen des Kriegsgeschehens in Livland, jener
versteht diese Ereignisse jedoch einzig als Exempel für eine, an die Adresse
seiner Gastgeber gerichtete Bußpredigt. Die Spannung zwischen Geschichtsschreibung
und theologischer Geschichtsdeutung nimmt ihren Lauf: die von den Gesprächspartnern
des „Christianus“, d.h. Brakels, erbetenen Informationen dienen jenem als
Exempel einer theologisch motivierten Aussageabsicht. Der Livländische
Krieg wird als Folge des gottfernen Lebenswandels der Livländer, als Strafgericht
Gottes durch den Moskowiter verstanden und mit Hilfe ausgewählter, überwiegend
von Brakel selbst miterlebter Ereignisse exemplifiziert. Neben diese negative
Argumentationsschiene wird, ganz im Geiste der lutherischen Gnadenlehre,
eine zweite Argumentationsschiene gestellt. Denjenigen, die Gottes Geboten
folgen, steht Gott in all ihrem Leid und Unglück schützend zur Seite, ihnen
kann all das über sie hereinbrechende Unheil der sie umgebenden „verkehrten
Welt“ nichts anhaben. Diese durch konkrete Beispiele aus der Zeit des Livländischen
Krieges, vor allem aber durch ein breit ausgebreitetes Sittengemälde Livlands
veranschaulichte, doppelte Interpretation der Ereignisse in Livland als
Strafgericht und Gnadentat Gottes wird in einer zweiten Stufe auf die Situation
im Reich übertragen und als drohender Fingerzeig an die Menschen im Reich
interpretiert: Livland und seine Geschichte dient dem Reich als mahnendes
Exempel, als Spiegel seiner eigenen Verworfenheit, zugleich auch als veranschaulichendes
Mittel der theologisch motivierten Botschaft Brakels - dem Aufruf zu Buße
und Umkehr.
Die aus einer an der Universität München erstellten Magisterarbeit
hervorgegangene Studie basiert auf dem Vergleich zwischen dem „Christlich
Gesprech“ Brakels und der Chronik Balthasar Rüssows. In einem ersten Teil
wird ausgehend von Brakels protestantischem Weltbild Grundkonzeption und
Argumentationsaufbau des „Christlich Gesprech“ aufgeschlüsselt und anhand
von Brakels Livland- und Rußlandbild sowie Kriegsverständnis erläutert.
Ein zweiter Abschnitt ist der Frage nach dem Quellenwert des „Christlich
Gesprech“ als Zeitzeugenbericht des Livländischen Krieges gewidmet. Ausgehend
von allgemeinen Überlegungen zum unterschiedlichen Ansatz und zur Zielsetzung
Brakels und Rüssows wird die Problematik der Handhabung des Werkes Brakels
als historiographische Quelle aufgezeigt und Wege im Umgang mit exempelhafter
Geschichtsdarstellung geboten. Die allgemeinen Überlegungen werden sodann
anhand dreier Beispiele, einem Aspekt der Biographie Brakels, der Darstellung
des Aufstandes Taubes und Kruses in Dorpat (1571) sowie der Charakterisierung
des dänischen Statthalters auf Ösel, Claus von Ungern, veranschaulicht.
Brakel versteht Geschichte als Baustein theologischer Argumentation.
Historische Ereignisse dienen ihm als Exempel einer theologisch motivierten
Aussageabsicht. Gefragt wird nicht nach den Geschehnissen der Kriegsjahre
an sich, sondern nach ihren Hintergründen und (damit) Ursachen. Im Gegensatz
zur Chronik Rüssows, die Brakel teilweise als Vorlage diente, strebt der
Antwerpener Prediger keine distanzierte Betrachtung der zeitgenössischen
Ereignisse an; entworfen wird vielmehr ein theologisch gefärbtes Sittengemälde
der livländischen Lande zur unmittelbaren Nutzanwendung für die Christen
in Westeuropa.