Osteuropa-Institut München

Historische Abteilung / Historical Department

Julia Mahnke Auswanderungsvereine mit Ziel Ukraine und Sowjet-Rußland in der Weimarer Republik. 106 S. (Juli 1997)
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den bisher wenig beachteten Auswanderungsorganisationen, die nicht die Auswanderung in die klassische Zielländer - nach Übersee - unterstützten, sondern ins sowjetische Rußland, u.a. nach Sibirien oder in die Ukraine.
Nach dem Versailler Vertrag richteten sich in Deutschland plötzlich vielerlei Hoffnungen auf Rußland, und in den frühen Jahren der Weimarer Republik wurden mannigfaltige Beziehungen geknüpft - auf militärischer, wirtschaftlicher und politischer Ebene. Zu dieser Zeit formierten sich auch Auswanderungsorganisationen, die aus verschiedenen Gründen das Heil im Osten suchten. Die meisten von ihnen waren naheliegenderweise linksgerichtet: Sie sahen in Sowjetrußland eine bessere, gerechtere Gesellschaftsordnung verwirklicht, an der sie teilhaben und die sie unterstützen wollten. Es gab jedoch auch einige politisch rechts stehende Gruppierungen. Sie witterten im Osten hauptsächlich wirtschaftliche Vorteile - Bodenschätze, billigen Grund und Handelspartner -, aber auch die Möglichkeit, in den endlosen Weiten Siedlungen nach ihrem deutsch-nationalen Gesellschaftsideal zu verwirklichen.
Es handelte sich meist um kleine, kurzlebige und lokal begrenzte Gruppen. Eine Auswanderungsorganisation jedoch war, was Verbreitung und Mitgliederzahl anbetrifft, exzeptionell: Der Verein Ansiedlung Ost, 1919 in Leipzig gegründet, hatte zu seiner Blütezeit ein Netz von über fünfzig Ortsgruppen mit mehr als 100 000 Mitgliedern und ein wöchentlich erscheinendes Organ. Ansiedlung Ost gelang es auch, mehrere hunderte Arbeiter nach Rußland zu schicken, wo sie auf Kolchosen und in Fabriken zur Unterstützung des russischen Brudervolkes arbeiten wollten.
Die verschiedenen Organisationen - rund zwanzig - werden mit ihrer Zielsetzung und ihrem Werdegang beschrieben und das Schicksal der Ausgewanderten, sofern es zu einer Auswanderung kam, verfolgt. In den einleitenden Kapiteln wird der gesellschaftliche und politische Hintergrund skizziert. Die Ursachen der Auswandeungsbestrebungen in den ersten Nachkriegsjahren werden ebenso beschrieben wie das Phänomen der Auswanderungsorganisationen. Das Reichswanderungsamt wird vorgestellt, eine Reichsbehörde, die zur Beratung der Auswanderungswilligen und zur Bekämpfung von Schwindelunternehmen gegründet wurde. Die lange verschollen geglaubten Akten dieses Amtes bilden die hauptsächliche Quellengrundlage der Arbeit.
Dargestellt werden weiterhin die deutsch-sowjetischen Beziehungen des betreffenden Zeitraumes. Ein besonderer Schwerpunkt kommt dabei der sowjetischen Immigrationspolitik zu, war doch das Schicksal der Auswanderungsorganisationen unausweichlich mit dem recht schwankenden Interesse Sowjetrußlands an Einwanderung verbunden. Dadurch läßt sich auch besser verstehen, warum nicht nur die Auswanderungspläne zum Scheitern verurteilt waren. Denn gescheitert sind sie: Kaum einer der so hoffnungsfroh Ausgewanderten, der nicht nach einigen Monaten zurückkehren wollte.
Insofern war keine der nach Osten gerichteten Auswanderungsorganisationen wirklich erfolgreich. Doch schon ihre Pläne sind interessant. Wie stellten sich die Menschen ihr Utopia im Osten vor? Als Einfamilienhaus mit Garten? Als geordnetes Klein-Deutschland in der Weite Sibiriens? Als Kommune, in der jegliches Privateigentum aufgehoben ist? Als das Stück Land, das man mit eigener Hände Kraft urbar macht? Die Denkschriften und Siedlungsentwürfe sprechen eine beredte Sprache: Aus ihnen klingen die Sehnsüchte der von Krieg und Not geschüttelten Menschen.


28. Oktober 1997