Jahrbücher für Geschichte Osteuropas
Ausgabe: 59 (2011) H. 2
Verfasst von: Georg Wurzer
Arina O. Meščerjakova F. V. Rostopčin. U osnovanija konservativizma i nacionalizma v Rossii [F. V. Rostopčin. An den Grundlagen des Konservativismus und Nationalismus in Russland]. Voronež: Izdatel’skij dom Kitež, 2007. 262 S. ISBN: 978-5-9726-0006-9.
Über Fürst Fedor Vasil’evič Rostopčin, einen der führenden Staatsmänner in der Regierungszeit Zar Pauls I. und während des Vaterländischen Krieges von 1812, ist bisher keine umfassende Lebensgeschichte vorgelegt worden, die wissenschaftlichen Maßstäben genügt. Die junge Historikerin Arina Olegovna Meščerjakova aus Voronež will mit ihrem 2007 erschienenen Werk diesem offensichtlichen Forschungsdesiderat abhelfen.
Sie orientiert sich an den Vorbildern der klassischen Biographie und stellt nach einem kurzen, aber informativen Literaturüberblick das Leben ihres Helden chronologisch von der Geburt bis zum Tode dar.
Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt dabei eindeutig auf dem Jahr 1812. Alles Vorherige, auch die Tätigkeit Rostopčins als Leiter der russischen Außenpolitik unter Zar Paul, ist nur Vorgeschichte. Für diese Zeit macht die Autorin deutlich, wie sich der Fürst von einem liberalen Freund Frankreichs, der auch Freimaurerlogen besuchte, zu einer Hauptstütze des russischen Konservativismus und einem fanatischen Hasser alles Französischen und der Freimaurer entwickelte.
Die Schilderung des für Russland schicksalhaften Jahres 1812 befasst sich hauptsächlich mit einigen in der Literatur umstrittenen Maßnahmen Rostopčins, der in dieser Zeit als Generalgouverneur von Moskau über weitreichende Vollmachten verfügte. Die Autorin beleuchtet die Rolle ihrer Hauptfigur bei der Entmachtung des liberalen frankophilen Staatssekretärs Michail Speranskij oder seine berühmten Bekanntmachungen an die Moskauer Bürger. Hierbei widerspricht sie der Einschätzung Rostopčins als „Protofaschisten“ durch amerikanische Historiker. Großen Raum nehmen die Vorgänge um den Kaufmannssohn Vereščagin ein, der Propaganda für Napoleon betrieben hatte und den der Generalgouverneur der Lynchjustiz durch das Moskauer Volk auslieferte. Ebenfalls starke Berücksichtigung finden seine (gespannten) Beziehungen zum Oberkommandierenden Kutuzov, die angeblich verspätete Räumung der alten Hauptstadt vor den anrückenden Franzosen und die Frage, wer Moskau angezündet habe. Diese beantwortet Meščerjakova, indem sie die eindeutige Täterschaft Rostopčins als Brandstifter nachweist. In allen strittigen Punkten versucht sie die Behauptungen der sowjetischen Historiographie zu widerlegen. Sie selbst stützt sich fast ausschließlich auf russische Archivalien und vor der Oktoberrevolution in Zeitschriften wie „Russkij Archiv“ und „Russkaja Starina“ publizierte Dokumente.
Dass ihre Sympathien ihrem sich gegen den Liberalismus und für einen „besonderen Weg“ Russlands aussprechenden Helden gehören, bleibt nicht verborgen. Dies geht so weit, dass sie selbst seine gegen die Juden gerichteten Maßnahmen mit Sachzwängen rechtfertigt, wobei an dem tatsächlichen Antisemitismus Rostopčins kein Zweifel bestehen kann, zitiert die Autorin doch selbst einen Brief an Zar Alexander I., in dem Rostopčin den Schimpfnahmen žid für seine jüdischen Landsleute verwendet (S. 142). Etwas weniger offene Parteinahme hätte dem Werk Meščerjakovas also gut getan. Ansonsten ist es handwerklich sauber gearbeitet und interessant zu lesen.
Georg Wurzer, Tübingen
Zitierweise: Georg Wurzer über: Arina O. Meščerjakova F. V. Rostopčin. U osnovanija konservativizma i nacionalizma v Rossii [F. V. Rostopčin. An den Grundlagen des Konservativismus und Nationalismus in Russland]. Izdatel’skij dom Kitež Voronež 2007. ISBN: 978-5-9726-0006-9, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Wurzer_Mescerjakova_Rostopcin.html (Datum des Seitenbesuchs)
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