I. V. Pugač, M. S. Čerkasova (otv. red.) Piscovye i perepisnye knigi Vologdy XVII – načala XVIII veka. V 2-ch tomach. T. 1: Piscovye i perepisnye knigi Vologdy XVII veka. 412 S.; T. 2: Perepisnaja kniga Vologdy 1711–1712 godov. 398 S. [Steuerbestands- und Bevölkerungszählbücher Vologdas des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts in 2 Bänden. Bd. 1: Steuerbestands- und Bevölkerungszählbücher Vologdas des 17. Jahrhunderts; Bd. 2: Bevölkerungszählbücher Vologdas der Jahre 1711 / 1712]. Izdat. Krug Moskva 2008. ISBN: 978-5-7396-0143-8, ISBN: 978-5-7396-0144-5.
Neben der Arbeit an der Erschließung und Publikation von erzählenden Quellen hat das Interesse an der Edition von Verwaltungsschriftgut zur Geschichte des frühneuzeitlichen Russlands in den vergangenen beiden Jahrzehnten deutlich an Gewicht gewonnen. Hierzu mögen neben der Entwicklung neuer sozial- und kulturgeschichtlicher Fragestellungen auch die verbesserten Arbeitsbedingungen dank der elektronischen Datenverarbeitung beigetragen haben. Denn bei diesen Quellen ist die Erstellung angemessener Register von zentraler Bedeutung, und über Datenbanken lassen sich die ermittelten Daten in bisher ungekannten Dimensionen auswerten.
Verstärkte Aufmerksamkeit finden unter diesen Umständen auch Quellen wie die piscovye knigi, der Erfassung der Steuerzahler dienende „Bestandsbücher“ mit Angaben über Grundstücke, Gebäude und deren Bewohner, und die weniger ausführlichen, letztlich demselben Zweck dienenden perepisnye knigi, „Bevölkerungszählbücher“. Die älteste perepisnaja kniga von 1626–28 für die nordrussische Stadt Vologda wurde schon früher publiziert und fand in der Forschung vielfach Berücksichtung (vgl. die Einleitung zu Bd. 1 der Edition, S. VII–VIII). Die jüngeren Stadtbeschreibungen, als welche wir diese Texte ja lesen, sind jetzt erstmals ediert. Band 1 der Edition enthält eine perepisnaja kniga von 1646 und eine von 1678; letztere nennt auch Kinder und deren Alter in einem Haushalt. Die piscovaja kniga von 1685/86 gibt vorweg eine Beschreibung der Stadtbefestigungen und der Kirchen samt Interieur, sie nennt die jeweilige Steuerlast eines Haushaltes. Diese Bücher sind, von der Einleitung des Textes von 1685/89 abgesehen, alle nach Straßen geordnet. In einer perepisnaja imennaja kniga von 1686/87 sind nur die Namen der Bewohner, nach Stadtteilen und sozialen Gruppen gegliedert, erfasst. Schließlich verfügen wir über eine wieder nach Straßen geordnete, sehr umfangreiche kniga perepisnaja s meroj von 1711/12, in der neben Angaben zu Bewohnern und Bebauung auch die Maße der Grundstücke und wichtigen Bauwerke festgehalten sind, und es ist ohne Angabe des Betrages registriert, an welche Behörde jemand Abgaben zahlt. Diese Beschreibung, die schon für Arbeiten zur Stadtgeschichte von Vologda fallweise herangezogen wurde, ist in Band 2 publiziert.
Jedem Band sind ein Register der Personennamen und ein Register der geographischen und ethnischen Bezeichnungen beigegeben. Unter dem Stichwort „Vologda“ findet man dann Unterverzeichnisse für einzelne Objekte: Türme, Tore, Straßen und anderes. Außerdem bietet jeder Band ein Register der Berufsbezeichnungen und ein Register der in den Beschreibungen erwähnten Urkunden, gegliedert nach Urkundentypen und Datierung.
Wir mögen uns fragen, inwieweit die gewaltigen Datenmengen, die in den einzelnen Beschreibungen enthalten sind, in ihrer Zeit über das Registrieren der Steuerzahler hinaus wirklich genutzt und aggregiert worden sind. In der Durchführung der Beschreibung lag ein Akt herrschaftlicher Vereinnahmung von Territorium und Menschen. Die schriftliche Dokumentation des jeweiligen Ist-Zustandes im Reich diente der Selbstvergewisserung des Herrschaftsapparates.
Mit der einheitlichen Edition und Erschließung der Stadtbeschreibungen von Vologda über einen Zeitraum von 65 Jahren hinweg bieten die Herausgeber eine hervorragende Arbeitsgrundlage für weitere Projekte: Man könnte nun auf der Grundlage von alten Karten und Abbildungen für die einzelnen Zeitschichten Stadtpläne einschließlich der Straßennamen erstellen und in diese die Parzellierung und die Besitzverhältnisse eintragen. Man hätte die Möglichkeit, aufgrund der Beschreibung von 1685/86 die regionale Verteilung des Steueraufkommens innerhalb der Stadt zu bestimmen. Man könnte verfolgen, inwieweit sich die Besiedlung verdichtete und wie lange als Bewohner eines Grundstückes Angehörige derselben Familie genannt sind. Man könnte sogar Wohnsitzwechsel verfolgen, soweit die Bewohner in der Stadt blieben. Es ließen sich geradezu kleine Kollektivbiographien von Stadtvierteln erstellen.
Mit dieser Edition haben die Herausgeber der Forschung sowohl zur Stadtgeschichte von Vologda als auch zur Verwaltungsgeschichte des Russischen Reiches in der frühen Neuzeit einen großen Dienst erwiesen.
Ludwig Steindorff, Kiel
Zitierweise: Ludwig Steindorff über: I. V. Pugač, M. S. Čerkasova (otv. red.) Piscovye i perepisnye knigi Vologdy XVII – načala XVIII veka. V 2-ch tomach. T. 1: Piscovye i perepisnye knigi Vologdy XVII veka. T. 2: Perepisnaja kniga Vologdy 1711–1712 godov [Steuerbestands- und Bevölkerungszählbücher Vologdas des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts in 2 Bänden. Bd. 1: Steuerbestands- und Bevölkerungszählbücher Vologdas des 17. Jahrhunderts. Bd. 2: Bevölkerungszählbücher Vologdas der Jahre 1711/1712]. Izdat. Krug Moskva 2008. ISBN: 978-5-7396-0143-8, ISBN: 978-5-7396-0144-5, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Neue Folge, 58 (2010) H. 1, S. 100-101: http://www.oei-dokumente/JGO/Rez/Steindorff_Pugac_Piscovye_knigi.html (Datum des Seitenbesuchs)