Jahrbücher für Geschichte Osteuropas
Im Auftrag des Osteuropa-Instituts Regensburg
herausgegeben von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz
Ausgabe: 60 (2012) H. 2, S. 280-281
Verfasst von: Thekla Musäus
Outi Fingerroos: Karjala utopiana [Karelien als Utopie]. Jyväskylä: Jyväskylän yliopisto, 2010. 248 S., Abb. = Nykykulttuurin tutkimuskeskuksen julkaisuja, 100. ISBN: 978-951-39-3837-6.
Der Titel des Buches weckt große Erwartungen: das Kalevala, die finnische Nationalromantik, der Karelianismus und Künstler wie Sibelius wären nur die populärsten Assoziationen; auf russischer Seite lässt die „Utopie“ im Titel zuerst an Klöster und Überlieferungen der Orthodoxie denken. Im Zentrum des Interesses von Fingerroos steht die Untersuchung der „Luftspiegelungen der Erinnerung“ (S. 7), also verschiedener Erzählungen und Deutungen von Karelien. Einen wichtigen Teil dieser Utopien, soviel sei schon gesagt, lässt die Autorin unberücksichtigt.
Karelien (namentlich das weit über die finnische Ostgrenze hinausreichende Ostkarelien) rückte seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge des Karelianismus in das finnische Interessenfeld. So „wurde aus Ostkarelien ein Hort der Utopien: Es war eine weit entfernte Urheimat, die man besuchte, von der man träumte und um die man auch kämpfen wollte“. (S. 25) Die Idealisierung Kareliens halte bis heute an. Die These von der Konstruiertheit jedes (geographischen) Ortes durch menschliche Definitionen überträgt Fingerroos auf alle Arten von „Erinnerungsorten“ im Bewusstsein einzelner oder eines Kollektivs (S. 21‒23). Dabei erweitert sie die Bedeutung der „konkreten Utopie“ (E. Bloch). Utopien definiert sie als eine besondere Art von persönlichen Erinnerungsorten. Besonders treffe dies auf die eng an das eigene Erleben geknüpften Karelienbilder der Flüchtlinge nach 1946 zu. Der Schwerpunkt der Utopievorstellungen habe sich so von Ostkarelien nach Süden auf die im Krieg verlorene karelische Landenge verschoben (S. 33‒34).
Anhand der Mystifizierung der Todesumstände des Komponisten Toivo Kuula (1883‒1918) – er wurde auf dem Fest einer reaktionären, „weißen“ Jägerbrigade zu Ende des Bürgerkrieges in Viipuri/Wyborg tödlich verletzt – zeigt Fingerroos, wie durch das Verschweigen bestimmter Details und die Hervorhebung anderer sowie durch persönliche Bewertungen (in der Presse, in Tagebuchaufzeichnungen und Augenzeugenberichten) der Verstorbene zum Helden der „weißen“ Bürgerkriegspartei wurde. Dazu im Widerspruch stehende Tatsachen – so, dass sich der Schuss aus der Hand eines Soldaten aus den eigenen Reihen löste, die Alkoholisierung aller Beteiligten – wurden unterschlagen (S. 57‒62).
Auch der Verlust der Stadt Viipuri am 20.06.1944 war Ausgangspunkt diverser Spekulationen und nachfolgender Mythen, wenn auch nicht Utopien. Die Auswahl der Fakten, ihre Gewichtung und Deutung haben in wissenschaftlichen Studien, Augenzeugenberichten und Dokumentarromanen zu unterschiedlichsten Interpretationen geführt. So ist der Rückzug der finnischen Truppen aus der Stadt auf der karelischen Landenge, der damals zweitgrößten Stadt Finnlands, einmal gewollte „Frontbegradigung“, einmal ein Fehler der obersten Befehlsränge, einmal Folge von Massenpanik schlecht vorbereiteter Soldaten. Die Pressepolemik um standrechtliche Erschießungen im letzten Krieg und die Lösung des Rätsels der Massengräber in Lappeenranta (letztlich auf das 19. Jh. datiert) sind markante Beispiele dafür, wie vorgefasste Annahmen das Geschichtsbild beeinflussen können. Auch das Aussparen der „hässlichen Seite des Krieges“ (S. 105) in der offiziellen Geschichtsschreibung begünstigte die Bildung von Mythen (S. 109‒116).
Als „abstrakte Utopien“ (S. 119) bezeichnet die Autorin die vorrangig in den 1990er Jahren entwickelten Rückgabeszenarien für die karelische Landenge. Für deutsche Leser sind diese in Hinblick auf Parallelen zu deutscher Vertreibungsgeschichte interessant. Zitate und Textvergleiche belegen Kontinuitäten einer paternalistisch-kolonialistischen Sicht auf die Nachbarn östlich der finnischen Grenze, in Ostkarelien (S. 143‒148). Bei den Rückkehrvisionen der Karelienflüchtlinge fällt deren religiöser Charakter auf. Markantes Beispiel sind die Weissagungen des „karelischen Propheten“ M. Reponen (1892‒1951) (S. 149‒157). Die Inszenierung der Reisen ehemaliger Vertriebener in ihre verlorene Heimat als Pilgerfahrten mache Karelien für sie zu einem utopischen Ort (S. 157‒159).
Leider fehlt die russische Perspektive in Fingerroos’ Darstellung gänzlich; einzig eine Studie zum Heimatbild russisch-sowjetischer Karelienbewohner wird erwähnt (S. 173). Dabei böte ein Blick auf die russische Idealisierung des Nordens, die Frage nach russisch-orthodoxem Einfluss in Karelien (Altgläubige), eine Untersuchung der sowjetischen Um- und Neugestaltung des ehemals finnischen wie auch Ostkareliens bis hin zu den Autonomiebestrebungen in Ostkarelien zahlreiche Ansätze für weitere Utopiensuche.
Im Fall des Kapitels über Toivo Kuula und in den Untersuchungen zu den letzten Kriegsmonaten 1944 lässt sich die Verbindung zu „karelischer Utopie“ nur auf Umwegen herstellen. Die Darstellung von Fingerroos scheint so einerseits um die Hälfte der Utopien zu arm zu sein; andererseits unterbrechen die Untersuchungen zur Bürgerkriegs- und Fortsetzungskriegszeit den Bogen der finnischen Karelienutopien. Die Erweiterung des Utopiebegriffes unter Rückgriff auf humangeographische und kulturwissenschaftliche Theorien ist für den Blick auf Karelien aber jedenfalls eine Bereicherung.
Zitierweise: Thekla Musäus über: Outi Fingerroos Karjala utopiana [Karelische Utopie]. Jyväskylä: Jyväskylän yliopisto, 2010. = Nykykulttuurin tutkimuskeskuksen julkaisuja, 100. ISBN: 978-951-39-3837-6, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Musaeus_Fingerroos_Karjala_utopiana.html (Datum des Seitenbesuchs)
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