Jahrbücher für Geschichte Osteuropas

Herausgegeben im Auftrag des Osteuropa-Instituts Regensburg
von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz

Band 58 (2010) H. 3, S.  452-453

Trude Maurer (Hrsg.) Kollegen – Kommilitonen – Kämpfer. Europäische Universitäten im Ersten Weltkrieg. Franz Steiner Verlag Stuttgart 2006. 376 S., 2 Abb. = Pallas Athene, 18. ISBN: 978-3-515-08925-8.

Selbst in aktuellen Gesamtdarstellungen zur Geschichte der Universität in Europa bleibt die Geschichte dieser in ihrer Entwicklung wahrhaft gesamteuropäischen Institution im Ersten Weltkrieg merkwürdig blass. Die Herausgeberin Trude Maurer entwickelt in ihrem aufschlussreichen Einleitungsessay vor allem anhand der deutsch- und russischsprachigen Historiographie die Gründe für diesen eigentlich erstaunlichen Befund, der in der Tat Anlass genug gibt, diese Lücke zu schließen. Für das Deutsche Kaiserreich ist die Wirkung des Weltkrieges innerhalb der Universität als Lebenswelt noch wenig untersucht; für das Zarenreich ist die Institution Universität an sich vor allem unter dem Fluchtpunkt der Revolution und des viel beschriebenen Gegensatzes von Staat und Gesellschaft betrachtet worden. Maurers Ausgangsbefunde leuchten zugleich den Kontext aus, in dem dieser auf einer Tagung fußende Sammelband gründet: Die Herausgeberin hat ein Projekt zu deutschen und russischen Universitäten im Ersten Weltkrieg geleitet, aus dem bereits einige bemerkenswerte Fallstudien von Maurer selbst, aber auch aus dem von ihr initiierten Netzwerk entstanden sind. Der Sammelband will das Projekt nun auf eine europäische Dimension heben. Maurer geht von dem Selbstverständnis der akademischen Welt aus, auch in den Zeiten nationalstaatlicher Positionierung Teil einer gemeinsamen, transnational denkenden Geisteselite zu sein. Dieses Selbstverständnis, so die zutreffende Beobachtung, ist im Ersten Weltkrieg einem Veränderungsdruck ausgesetzt worden. Nationalisierung und Ausgrenzung an den Universitäten, Militarisierung der Wissenschaft und der Studentenschaft sind fallweise Symptome des Wandels während des Krieges. Facetten dieses Bildes werden in insgesamt 23 Beiträgen mit unterschiedlichen Zugängen beleuchtet. Einzelne Beiträge nehmen jeweils Studenten und Professoren als Gruppen in den Blick (Susan K. Morrissey, Iskander Gi­lja­zov, Andrej Andreev), andere wählen Individuen, um die universitäre Lebenswelt oder Ideenwelten zu erschließen (Lilia Antipow über Evgenij Trubeckoj). Wieder andere nehmen Fächer- und Fachkulturen (wie die Altertumswissenschaften oder die Physik in den Beiträgen von Jürgen von Ungern-Sternberg, Alek­sandr K. Gavrilov und Stefan L. Wolff), einige zeich­nen die Zeitläufte ganzer Universitäten nach (etwa für Jur’ev, Warschau, Paris oder Lille). Es gibt also gleichsam den Blick in die Universität hinein; andere blicken auf die Universität und ihre Träger im politisch aufgeladenen Raum der Kriegsrethorik und -planung. Ein dritter Typus von Beiträgen fokussiert die Indienstnahme der Universitäten und das Potential der Reform in dieser Situation auf der Ebene des gesamtstaatlichen Diskurses (Trude Maurer für Deutschland und Aleksandr Dmitriev für das Zarenreich).

So wird das Tableau interessant und detailreich, aber nicht unbedingt kohärent. Keinesfalls können hier die Beiträge aller Autoren auch nur knapp gewürdigt werden. Verwiesen sei nur auf den Aufsatz von Maria Rhode, der in sich vergleichend arbeitet und auf die Loyalitätsbildungen einzelner Gelehrter (Alexander Brückner und Jean Baudouin de Courtenay) zwischen Kaiserreich und Zarenreich und damit wirklich eine europäische Dimension dieses Krieges und seiner Wirkung auf Gelehrtenleben einfängt.

Ein Panorama europäischer Universitäten ist der Band nicht geworden. Peter Lundgreen merkt an, dass die Zahl der Beiträge zu Universitäten im Zarenreich noch gegenüber denen zum Kaiserreich überwiegt. Sie enthalten wichtige Elemente der noch nicht geschriebenen modernen Universitätsgeschichten Deutschlands und Russlands. Themen zu den Universitäten des Habsburger Reiches fehlen, wären aber beim Blick auf den ostmitteleuropäischen Raum und bei der Verschränkung mit der Geschichte von deutschem Kaiserreich und Zarenreich durch­aus von Interesse  gewesen. Die Beiträge zu England und Frankreich, für sich genommen interessant, tragen eher ergänzenden Charakter, um dem Adjektiv „europäisch“ zu seinem Recht zu verhelfen.

Der Sammelband, insgesamt solide gemacht und mit einem hilfreichen Register versehen, vermisst ein weites und spannendes Feld über die europäischen Universitäten im Ersten Weltkrieg. Dieses Feld wartet auf eine Synthese, die noch zu leisten wäre. Was eine solche zu umfassen hätte, nennen Trude Maurer in ihrem Einleitungsessay und Peter Lundgreen in seiner knappen Zusammenfassung. Den vorliegenden Band wird jedoch jeder, der sich mit Erstem Weltkrieg und Universitätsgeschichte im weitesten Sinne beschäftigt, zur Hand nehmen müssen.

Jan Kusber, Mainz

Zitierweise: Jan Kusber über: Trude Maurer (Hrsg.) Kollegen – Kommilitonen – Kämpfer. Europäische Universitäten im Ersten Weltkrieg. Franz Steiner Verlag Stuttgart 2006. = Pallas Athene, 18. ISBN: 978-3-515-08925-8, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Neue Folge, 58 (2010) H. 3, S. 452-453: http://www.oei-dokumente/JGO/Rez/Kusber_Maurer_Kollegen.html (Datum des Seitenbesuchs)