Jahrbücher für Geschichte Osteuropas
Ausgabe: 59 (2011) H. 2
Verfasst von: Helmut Keipert
Isabel Trueb Studien zum frühen russischen Buchdruck. Zürich: Pano Verlag, 2008. 299 S. = Basler Studien zur Kulturgeschichte Osteuropas, 16. ISBN: 978-3-290-22000-6.
Mit ihrer Abhandlung, einer Basler Dissertation von 2005, möchte die Verfasserin „d[er] weitgehende[n] Vernachlässigung bibliologischer Entwicklungen jenseits der Weichsel durch die deutschsprachige Buchforschung“ entgegenwirken (S. 11). Nach der „Einleitung“ (S. 11–15) berichtet sie in ihrem ersten Kapitel zunächst über „Die Anfänge des kyrillischen Buchdrucks“ in Krakau, Prag und Wilna sowie in Montenegro, der Walachei und Venedig und verdeutlicht die engen Beziehungen, die zwischen den dortigen und anderen Frühdruckern in den verschiedenen europäischen Ländern, ungeachtet der dafür zu überwindenden Entfernungen und Grenzen, bestanden haben (S. 17–65). Das zweite Kapitel „Zu den Voraussetzungen für die Einführung des Buchdrucks“ erläutert die kulturhistorischen Rahmenbedingungen, unter denen es in der Mitte des 16. Jahrhunderts in Moskau zur Einrichtung einer Druckerwerkstatt und erstmals zur Herstellung gedruckter Bücher kam (S. 67–113). Mit dem zentralen dritten Kapitel „Der Buchdruck im Moskauer Staat des 16. Jahrhunderts“ ist das eigentliche Thema der Arbeit erreicht, für dessen ausführliche Behandlung 15 Unterpunkte ausgewiesen sind (S. 115–203). Im vierten Kapitel erläutern Überlegungen „Zur Parallelexistenz von Handschrift und Buchdruck“ ein Phänomen, das die Schrifttumsüberlieferung gerade in Russland besonders lange kennzeichnet (S. 205–248). Das abschließende fünfte Kapitel versucht resümierend eine Antwort auf die Frage zu geben: „Die Einführung des Buchdrucks – eine Zäsur in der Buchgeschichte?“ (S. 249–258). Ein umfangreiches Literaturverzeichnis am Ende nennt die für die Darstellung herangezogenen Publikationen (S. 259–299).
Das Urteil über dieses mit Engagement für die Sache geschriebene Buch fällt schwer. Mit Gewinn kann es sicher jeder lesen, der z. B. noch nie etwas von der Existenz der kyrillischen Inkunabeln aus Krakau oder Montenegro gehört hat, der vielleicht auch die besondere Wertschätzung nicht kennt, die Russland seinem mit dem Jahr 1564 vergleichsweise spät auftretenden, aber bis heute in hohen Ehren gehaltenen pervopečatnik Ivan Fedorov entgegenbringt oder der sich bisher nicht klar gemacht hat, warum die Geschichte des Buchdrucks in Russland in vieler Hinsicht ganz anders verlaufen ist als etwa diejenige in Deutschland. Wer sich freilich mit diesen Problemen und der ihnen gewidmeten buchkundlichen Literatur schon etwas beschäftigt hat, wird bei Trueb möglicherweise wenig Neues finden. Überraschend ist das nicht, denn namentlich in den slavischen Ländern (aber nicht nur dort) sind die kyrillischen Frühdrucke bis zum Ende des 16. Jahrhunderts inzwischen in Katalogen sämtlich erfasst und genau beschrieben worden, und auch ihr jeweiliges Umfeld kann heute als gründlich untersucht gelten, soweit das mit den spärlichen Nachrichten aus der Entstehungszeit überhaupt möglich ist – viele wichtige Fragen werden wohl für immer kontrovers bleiben. Angesichts der jetzt schon vorliegenden Fülle und Detailliertheit einschlägiger Veröffentlichungen lassen sich wirklich neue Ergebnisse auf diesem Gebiet einerseits nur dann erwarten, wenn es einem glücklichen Finder beispielsweise gelingt, einen völlig unbekannten Druck aus dieser heroischen Zeit zu ermitteln, ein trotz weltweiter Suche noch nicht verzeichnetes weiteres Exemplar dieser seltenen Bücher zu identifizieren oder die wenigen auf uns gekommenen Informationen über die genaueren Umstände von deren Herstellung um eine von der bisherigen Forschung übersehene aufschlussreiche Quelle zu vermehren; andererseits kann man aber mit einiger Wahrscheinlichkeit manche neue Einsichten in die Druckgeschichte auch noch durch Perfektionierung der Untersuchungsmethoden erzielen, wie das unter anderem bei der sehr mühsamen und zeitaufwendigen vollständigen Wasserzeichenanalyse zahlreicher Exemplare der sog. „anonymen“ Moskauer Drucke vor 1564 oder der Krakauer Inkunabeln gezeigt worden ist. Mit dieser einem raschen Erkenntnisfortschritt entgegenstehenden Komplexität des Forschungsgegenstands wird man sich zu erklären haben, dass die Ausführungen zur Geschichte der einzelnen Druckereien und die Beschreibungen der dort entstandenen Drucke bei Trueb weitgehend auf den in den beiden verfügbaren Gesamtkatalogen von E.L. Nemirovskij (Gesamtkatalog der Frühdrucke in kyrillischer Schrift. 7 Bände, hier einschlägig die Bände 1–6) aus den Jahren 1996–2003 bzw. Guseva (Izdanija kirillovskogo šrifta vtoroj poloviny XVI veka. Moskva) aus dem Jahr 2003 zu findenden Angaben und auf den jeweils zugehörigen Spezialuntersuchungen beruhen. Freilich irritiert etwas, dass die Verfasserin bei ihren referierenden Zusammenstellungen offenbar fremde Argumente auch ungekennzeichnet übernommen und in ihrem Krakau-Abschnitt sogar deutsche Formulierungen aus Nemirovskijs Katalog ohne Angabe der Fundstellen wörtlich eingefügt hat (S. 22–25, vgl. Nemirovskij Gesamtkatalog, Bd. 1, 1996, S. 13–24). Buchkundlich unbefriedigend ist, dass der Band keine einzige Abbildung enthält: Natürlich ist in ihm bei der Beschreibung der Druckgeschichte(n) immer wieder auch von übernommenen Holzschnitten, weiterverwendeten Zierleisten, veränderten Buchstabenformen, einwandfreien und abgenutzten Druckstöcken u.ä. die Rede, aber die Verfasserin hat suo loco leider nicht einmal angegeben, wo man eine den jeweiligen Sachverhalt veranschaulichende Abbildung in der von ihr verwendeten Literatur finden kann. Möglich und sogar hilfreich wäre das nicht zuletzt bei der Beschreibung des noch aus dem 16. Jahrhundert stammenden Prachteinbands eines – hier nicht als solches ausgewiesenen – Dedikationsexemplars (podnosnoj ėkzempljar) des berühmten „Apostolus“-Drucks von 1564 gewesen (S. 151), weil dessen heutiger Zustand (vgl. T.N. Protas’eva / M.V. Ščepkina Sokrovišča drevnej pis’mennosti i staroj pečati. Moskva 1958, S. 182–183 mit Abb. 7a und 7b) sehr viel weniger Details zu erkennen gibt als derjenige des 19. Jahrhunderts (vgl. Guseva Izdanija, Abb. 31.6). Etwas zu wünschen übrig lässt zudem die Berücksichtigung des aktuellen Stands der Forschung. So sollte man die Ergebnisse der Wasserzeichenanalyse der Moskauer Drucke von 1564 heute wohl nicht mehr nach T.N. Protas’eva Pervye izdanija moskovskoj pečati v sobranii gos. istoričeskogo muzeja. Moskva 1955, sondern eher nach O.N. Kičina (Filigranologičeskoe issledovanie bezvychodnych moskovskich izdanij, in: Fedorovskie čtenija 1983, Moskva 1987, S. 115–160) referieren (vgl. S. 134–135 bzw. 273); beim walachischen „Tetraevangelium“ des Makarije von 1512 (S. 38–39) wäre der 1999 erschienene Reprint innerhalb der „Biblia slavica“ zu erwähnen gewesen, zumal in dessen Einleitung eine andere Hypothese über diesen Drucker vertreten wird als bei dem hier referierten Nemirovskij (Gesamtkatalog, Bd. 2); wenn der im Jahr 2000 gefundene Novgoroder Wachstafeltext aus dem ersten Viertel des 11. Jahrhunderts erwähnt wird (S. 232, bezeichnenderweise unter Berufung auf S. Franklin Writing, society and culture in early Rus: c. 950–1300. Cambridge 2002 und nicht auf die Originalveröffentlichung), kann man die Frage der sprachlichen Adaptierung bulgarischer Vorlagen in der Rus’ nicht mehr so diskutieren, wie das einige Seiten zuvor in Zusammenhang mit dem „Ostromir-Evangelium“ von 1056/57 geschehen ist (S. 214); seit mehr als einem Jahrhundert steht fest, dass der im Fedorov-Bukvar’ von 1574 auszugsweise gedruckte slavische Traktat „Über die acht Redeteile“ weder ein Werk des Johannes von Damaskus ist noch von dem bulgarischen Exarchen Johannes übersetzt wurde, auch wenn das einige in Russland noch immer behaupten (S. 201, unter Berufung auf A. Andreev Russkij pervopečatnik: kratkoe žizneopisanie. Moskva 2000) u.a.m. Peinlich ist nach dem prononcierten Einleitungssatz der Verfasserin, dass sie zwei für ihr Thema wichtige Beiträge im „Gutenberg-Jahrbuch“ übersehen hat, nämlich in Jg. 1998 (S. 111–120) denjenigen von Ursula Timann, die mit einem neuen Nürnberger Quellenfund zeigen konnte, dass Sweitpolt Fiol in Krakau offenbar schon 1489 (also nicht erst 1490 oder gar 1491!) über kyrillische Typen verfügte, die ihm Jacob Karbes entworfen und geschnitten haben soll, und in Jg. 1999 (S. 161–163) den von E. L. Nemirovskij zu einer Nachricht aus Prag, die besagt, dass Francisk Skoryna im Juni 1541 bereits tot war (und nicht, wie bei Trueb [S. 27] angegeben, 1541/1551 gestorben ist). Auch aus ‚technischen‛ Gründen (Schreibung von Polonica, Transliteration von Jat’ u.ä.) kann man dieses Buch allenfalls mit deutlichem Vorbehalt empfehlen. Interessierte Leserinnen und Leser mit Russischkenntnissen seien auf die inzwischen von E.L. Nemirovskij publizierte Enzyklopädie „Ivan Fedorov i ego ėpocha‟ (Moskva 2007) hingewiesen.
Helmut Keipert, Bonn
Zitierweise: Helmut Keipert über: Isabel Trueb Studien zum frühen russischen Buchdruck. Zürich: Pano Verlag, 2008. = Basler Studien zur Kulturgeschichte Osteuropas, 16. ISBN: 978-3-290-22000-6, http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Keipert_Trueb_Studien_zum_fruehen_russischen_Buchdruck.html (Datum des Seitenbesuchs)
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