Mark Grosset, Nicolas Werth Die Ära Stalin. Leben in einer totalitären Gesellschaft. Aus dem Französischen übersetzt von Enrico Heinemann. Konrad Theiss Verlag Stuttgart 2008. 255 S., 250 Abb. ISBN: 978-3-534-20891-3.

Der vorliegende, durch das französische Kulturministerium geförderte Band, schließt eine viel zu lange bestehende Lücke in der Stalinismusforschung. Er ermöglicht im Unterschied zu einigen in den letzten Jahren publizierten Bildbänden nicht nur einen Einblick in einzelne Facetten und verborgene Bereiche des Lebens in der Sowjetunion wie „Stalins Retuschen“ oder „Gulag“, sondern er setzt im wahrsten Sinne des Wortes die totalitäre Gesellschaft in ihrer Totalität ins Bild. Mark Grosset (1957–2006) begann in den Jahren von Gorbatschows Pere­strojka mit der Sammlung des Materials.

Dem Band ist ein Textentwurf von Mark Grosset vom 13. August 2003 unter dem Titel „Ihr Fotografen seid gefährliche Leute“ vorangestellt. (S. 6). Der Titel spiegelt Lenins Reaktion auf den Versuch der Fotografen wider „die Realität unverfälscht einzufangen und wiederzugeben“. Auch unter Stalin konnten die Fotografen noch bis 1937/38 auf diese Weise weiterarbeiten. Aber von dann ab wurde die Fotografie dazu „missbraucht, die gesamte Gesellschaft auf die Linie des Alleinherrschers einzuschwören. Das Spannungsfeld zwischen Kunst und Propaganda ist denn auch das zentrale Thema, dass Grosset in diesem Gemeinschaftsprojekt mit Nicolas Werth bearbeitet hat“, notiert Hervé Le Goff im Vorwort (S. 7).

Es war die Aufbruchstimmung der Perestrojkazeit, die Mark Grosset fesselte und begeisterte, als er 1989 in die Sowjetunion reiste, um die Fotografen persönlich kennen zu lernen, deren Aufnahmen er in der Fotoagentur seines Vaters zu sehen bekam. Nach dem Verkauf der Agentur 1991 konzentrierte er seine Recherchearbeit auf die Sowjetära. Eine Auswahl der von ihm im Archiv der Union der Kunstfotografen gesichteten, ausgewerteten und reproduzierten kleinformatigen Negative findet sich im vorliegenden Band.

Die ersten drei der vier chronologisch angelegten Kapitel „Die dreißiger Jahre: ‚Mit Volldampf in die Modernisierung‘“ (S. 12–119), „Der Große Vaterländische Krieg“ (S. 120–187), „Die Nachkriegsjahre“ (S. 188–249) und „Leben ohne Stalin“ (S. 250–251) sind thematisch untergliedert. Sie enthalten ca. 250 meist erstmals veröffentlichte Fotos, darunter viele aus Privatsammlungen, die das Leben zwischen Utopie und Verzweiflung abbilden. Das dem Kommentar über die dreißiger Jahre vorangestellte, auf einem Staatsgut aufgenommene Foto setzt das „Umsteigen vom Bauernklepper auf den Traktor“, eine von Stalin geprägte Losung, um. Das beschriebene, auf Lenin zurückgehende Projekt der Elektrifizierung und Industrialisierung wurde auf Stalinsche Art und Weise verwirklicht.

Die analytisch, beschreibend oder referierend angelegten sowie zur Diskussion und zu weiteren Recherchen anregenden, von Nicolas Werth verfassten  Kapitel haben die lichten und dunklen Seiten des Stalinismus zum Gegenstand. Sie handeln von einer Gesellschaft, die sich in einem permanenten Kriegszustand befand. Besonders aufschlussreich sind die den Kriegs­jahren als Freiraum und dem Umschwung in der Nachkriegszeit gewidmeten Aus­führungen. Chruščevs „Geheimrede“ auf dem 20. Parteitag 1956 bezeichnen die Verfasser als Schlussstrich unter das von ihnen ins Bild gesetzte historische Kapitel.

Abschließend sei angemerkt, dass der Verlag leider an der falschen Stelle gespart und auf eine wissenschaftliche Redaktion der Übersetzung verzichtet hat. Das erklärt die inhaltlichen wie auch die Übersetzungsfehler in den Bildunterschriften und in den kommentierenden Kapiteln. Die oft frei übersetzten Zitate folgen nicht immer den vorhandenen, ins Deutsche übersetzten Ausgaben der Werke, die Bezeichnungen von Sowjet-Institutionen und Strukturen der KPdSU(B) unterscheiden sich von den in der Parteigeschichtsschreibung eingebürgerten. Die Übersetzung von Zeitungstiteln ist nicht vereinheitlicht worden. Die Ausschaltung der Rechtsabweichler ging anders vor sich, als hier nachzulesen. Bucharin und seine Anhänger wurden 1930 nicht aus der Partei, sondern aus deren Füh­rungszirkel, dem Politbüro, ausgeschlossen. Der Stachanovist Isotov war nie Mitglied der Zentralen Parteikontrollkommission; er gehörte der Zentralen Revisionskommission an; Vyšinskij nahm nicht als Generalstaatsanwalt, sondern als stellvertretender Außenminister an der Potsdamer Konferenz teil.

Trotz dieser bedauerlichen Mängel bleibt der vorliegende Band eine Pionierarbeit, die ein einmaliges Panorama der Sowjetunion im Vierteljahrhundert der Herrschaft Stalins, vom Ende der 1920er Jahre bis zu seinem Tod im März 1953, zeichnet.

Wladislaw Hedeler, Berlin

Zitierweise: Wladislaw Hedeler über: Mark Grosset, Nicolas Werth: Die Ära Stalin. Leben in einer totalitären Gesellschaft. Aus dem Französischen übersetzt von Enrico Heinemann. Konrad Theiss Verlag Stuttgart 2008. ISBN: 978-3-534-20891-3, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Neue Folge, 58 (2010) H. 1, S. 110-111: http://www.oei-dokumente/JGO/Rez/Hedeler_Grosset_Werth_Die_Aera_Stalin.html (Datum des Seitenbesuchs)