Jahrbücher für Geschichte Osteuropas
Herausgegeben im Auftrag des Osteuropa-Instituts Regensburg
von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz
Band 58 (2010) H. 3, S. 457-458
Lubjanka. Obespečenie ėkonomičeskoj bezopasnosti gosudarstva. Sbornik. Izdanie 2-e Glav. red. i sost. V. A. Stavickij. Izdat. Kučkovo pole Moskva; Izdat. Moja Rossija Moskva 2005. 447 S., Abb. ISBN: 5-902145-03-1.
Der Föderale Dienst für Sicherheit (FSB), die russische Nachfolgeorganisation des sowjetischen KGB, bemüht sich seit einem Jahrzehnt, die Geschichte der russischen und sowjetischen Geheimdienste nicht den Historikern allein zu überlassen. Die jährlichen „Lubjanskie čtenija“ („Lubjanka-Vorträge“) und die Sammelbände zur Spionageabwehr zielen darauf ab, eine korporative Geschichtsschreibung auf den Weg zu bringen. (Vgl. V. S. Christoforov, V. K. Vinogradov, O. K. Matveev [u.a.] SMERŠ: Istoričeskie očerki i archivnye dokumenty [SMERŠ: historische Skizzen und Archivdokumente]. Moskva 2003; vgl. auch V. A. Sobolev, Ja. F. Pogonij Lubjanka-2: Iz istorii otečestvennoj kontrrasvedki [Lubjanka-2: Aus der Geschichte der vaterländischen Spionageabwehr]. Moskva 1999.) Mit „Lubjanka ...“ versucht sich jetzt die Wirtschaftsabteilung des FSB an der Erforschung der eigenen Geschichte. Leider ist das Ergebnis ausgesprochen misslungen, und es bleibt unverständlich, wie es zu einer neuen Auflage kommen konnte. Die Herausgeber geben den Ton in ihrem Vorwort vor. Sie warnen Autoren und Leser mit folgender Drohung: „Wenn irgendjemand versucht, die Vergangenheit zu verleumden, bewirft er seine Vorfahren und sich selbst mit Schmutz.“ Das Buch ist der unkritische Versuch der Rechtfertigung einer angeblich heldenhaften Vergangenheit und Gegenwart unter dem vollmundigen Vorwand des „Staatsschutzes”.
Der Sammelband ist eine 447-seitige kunterbunte Mischung von Kurzmemoiren ehemaliger „Tschekisten“, die berühmte Affären aus der Sowjetzeit erzählen, von eher journalistischen Berichten zu den jüngsten Erfolgen der russischen Geheimdienstler im Kampf gegen Korruption und Spionage sowie von historischen Beiträgen. Der verantwortliche Herausgeber, Vasilij Stavickij, füllt 100 Seiten mit dem Nachdruck langer Auszüge aus seinem Buch zur Affäre um Edmond Pope, einen amerikanischen Unternehmer, der im Jahr 2000 zu 20 Jahren Haft wegen industrieller Spionage in Russland verurteilt, kurz darauf aber von Präsident Putin begnadigt wurde.
Zwei Beiträge beschäftigen sich mit der Wirtschaftsabteilung der ČK – GPU – OGPU in den zwanziger Jahren und des NKVD während des Zweiten Weltkriegs. Im Gegensatz zu dem, was Oleg Mosochin mit dem Titel seines Beitrags („Die Organe der Wirtschaftssicherheit in den zwanziger bis vierziger Jahren“) behauptet, bleiben die dreißiger Jahre in seinem Beitrag sowie im ganzen Sammelband völlig unberücksichtigt. Man erfährt nichts über die Tätigkeit der Wirtschaftsabteilung im Kampf gegen „Spekulanten“ während der Kollektivierung und der Hungersnot in den Jahren 1932–1933. Die zahlreichen Prozesse wegen „Sabotage“ gegen Manager und Ingenieure, angefangen mit dem Schachty-Prozess 1928, bleiben fast unerwähnt. Immerhin räumt Mosochin zwischen den Zeilen ein, dass die Attacke gegen die Wirtschaftsspezialisten – die 2000 rehabilitiert worden sind – doch übertrieben gewesen sei.
Aleksandr Demidovs Beitrag zum Zweiten Weltkrieg weist dieselben Schwächen auf. Wie Mosochin hatte auch er Zugang zu den Dokumenten der Kanzlei der Wirtschaftsabteilung des NKVD-NKGB. Beide Autoren, von Beruf Juristen, machen nie ihre Quellen kenntlich, folgen aber blind der Argumentation der Dokumente und bedienen sich ihrer Sprache. Das Fehlen jeglicher kritischen Distanz, ja gar der elementarsten Quellenkritik, führt dazu, dass den Autoren Widersprüche in den Dokumenten nicht auffallen. So verhält es sich zum Beispiel mit den „Sondermaßnahmen“ zur Evakuierung und Zerstörung wichtiger Industriestandorte 1941: Wegen der schnellen Bewegung der Front und der drastischen Befehle von oben liefen die lokalen Bosse immer Gefahr, diese Maßnahmen zu früh oder zu spät anzuordnen und deswegen von wachsamen „Tschekisten“ des Verrats oder der Faulheit bezichtigt zu werden. Demidov übersieht völlig diese Konfliktsituation der örtlichen Funktionäre und glaubt, die „Tschekisten“ seien das Auge und der Arm des weisen Stalin gegen faule, feige und verräterische Manager und Parteifunktionäre gewesen.
Unter den Memoiren sind lediglich die Erinnerungen Sergej Fedoseevs und Elena Kosel’cevas der Erwähnung wert. Der ehemalige KGB-Mitarbeiter Fedoseev erzählt, wie er zwischen 1959 und 1961 den geheimdienstlichen Kampf gegen die sich in Moskau ausbreitende Devisenspekulation übernahm. Parteichef Nikita Chruščev wollte hart gegen dieses nach sowjetischem Recht schwere Delikt vorgehen. So setzte er durch, dass es mit der Todesstrafe geahndet wurde, die er dann rückwirkend auf die ersten Verurteilten anwenden ließ. Fedoseevs Erzählung ist präzise und steht im Einklang mit dem bekannten Archivmaterial.
Die Aufzeichnungen Elena Kosel’cevas sind ein Kuriosum. Koselceva, Oberst außer Dienst, war in den fünfziger bis siebziger Jahren im Netzwerk der geheimdienstlichen Aufpasser an der Moskauer Universität tätig. 1980 wurde sie Prorektorin für internationale Beziehungen. Ihre Behauptung, sie sei die Vertrauensperson des Rektors Ivan Petrovskij und gleichzeitig des Präsidenten der Akademie der Wissenschaft, Mstislav Keldyš, gewesen, ist lächerlich. Mit ihren Aufzeichnungen scheint sie vor allem demonstrieren zu wollen, dass sie beste Beziehungen zu den Wissenschaftlern pflegte. Sie erinnert sich mit Vergnügen an die Zeit, als sie mit widerspenstigen und andersdenkenden Uni-Mitarbeitern und Studenten „prophylaktische Gespräche“ führen durfte, bis hin zu deren Ausschluss oder Verhaftung.
Insgesamt bedienen sich die Autoren des Sammelbands einer penetrant antiwestlichen Rhetorik, die an die Zeit des Kalten Kriegs erinnert. Ihre Haltung ist defensiv und offensichtlich von der Auffassung geprägt, dass Russland heute wie gestern von hinterlistigen inneren und äußeren Feinden bedroht sei, die nur von den Geheimdiensten geschlagen werden könnten. In keinem Artikel des Buches finden sich Hinweise auf die benutzten Dokumente; daher ist es für Historiker wertlos. Allenfalls ist es als Quelle für die Erforschung von mythischen Vergangenheitskonstruktionen tauglich.
Marc Elie, Paris
Zitierweise: Marc Elie über: Lubjanka. Obespečenie ėkonomičeskoj bezopasnosti gosudarstva. Sbornik. Izdanie 2-e. Glav. red. i sost. V. A. Stavickij. Izdat. Moja Rossija: Kučkovo pole Moskva, 2005. ISBN: 5-902145-03-1, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Neue Folge, 58 (2010) H. 3, S. 457-458: http://www.oei-dokumente/JGO/Rez/Elie_Lubjanka_Obespecenie.html (Datum des Seitenbesuchs)