Brian L. Davies Warfare, State and Society on the Black Sea Steppe, 1500–1700. Routledge London, New York 2007. 256 S. = Warfare and History.
Obwohl der Krieg bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Carl von Clausewitz als Element des gesellschaftlichen Lebens gedeutet worden ist, erschöpfte sich die internationale Kriegs- und Militärgeschichte bis vor nicht allzu langer Zeit oft nur in der Untersuchung unmittelbar kriegerischen Geschehens und der damit zusammenhängenden Organisationsstrukturen. Die vorliegende Monographie müsste daher – so sollte man meinen – doppelte Aufmerksamkeit erregen: Zum einen inhaltlich, weil sie ihren Fokus auf ein Gebiet richtet, das den Schauplatz eines beispiellosen Zusammenstoßes dreier unterschiedlicher politischer und religiös-kultureller Großsysteme abgibt, die dort über zwei Jahrhunderte nicht nur um die militärische Vorherrschaft ringen. Zum anderen methodisch, besonders da ihr Titel eine breitere Perspektive einzunehmen verspricht und eine mehrschichtige Kontextualisierung des Kriegswesens in vorpetrinischer Zeit in Aussicht stellt. Doch schon auf den ersten Seiten beschleicht den Leser die dunkle Vorahnung, dass er hier vergeblich nach einem Zugang suchen wird, der kulturelle und gesellschaftliche Begegnungen im Prisma des Krieges frisch und innovativ aufscheinen lassen könnte.
Brian L. Davies’ erklärtes Ziel besteht schlicht darin, die anhaltenden Konflikte zwischen dem Moskauer Reich und dem Krim-Khanat in ihrer Auswirkung auf die russischen Armeereformen zu untersuchen und damit vorwiegend den Umgestaltungen in den militärischen Organisations- und Kommandostrukturen, ihrer Logistik sowie auch den taktischen Veränderungen in der Kriegsführung Rechnung zu tragen. Analog zu diesem an älteren Forschungsparadigmata orientierten Zugriff verhält es sich auch mit seinem Narrativ – weniger fragend oder dirigierend, sondern konsequent beschreibend. Was er für das Moskauer Reich dabei zutage fördert, ist oft nicht mehr als das Zusammentragen von bereits bekannten Fakten: Es erbringt wenig wirklichen Erkenntnisgewinn, beispielsweise die Maßnahmen zur militärischen Kolonisierung, zur Fortifikation und vor allem zur Neugründung von etlichen Garnisonsstädten, die am Grenzsaum der Abatis-Linie im 16. und an der rund 150 Kilometer weiter südlich vorgerückten Belgorod-Linie im 17. Jahrhundert als direkte Folge des anhaltenden Drucks der Tataren ergriffen wurden, herauszuarbeiten (S. 42ff., 92ff.), selbst wenn der Autor ausführlich auf die verstärkten Bemühungen des razrjadnyj prikaz nach 1636 eingeht, der in bislang ungekanntem Maß freiwillige Siedler, darunter vor allem den verarmten und in Pachtverhältnisse abgerutschten Dienstadel, erfolgreich und in großer Zahl durch Freiheitsversprechen als militärische Grenzwärter zu mobilisieren vermag (S. 82–83). Auch seine Hauptthese bietet wenig Überraschendes – der wichtigste Grund für das erfolgreiche imperiale Ausgreifen Moskaus in dieser Region liege neben den organisatorischen und technischen Verbesserungen im russischen Heer besonders in der Abwesenheit von intermediären Strukturen, welche die Moskauer Machtfülle hinsichtlich ihrer militärischen Befehlsgewalt und ihrer zusehends schärfer werdenden Maßnahmen zur Truppenmobilisierung ernsthaft hätten beschränken können (S. 206). Dem bleibt in der Tat wenig hinzuzufügen. Doch muss man dem Autor immerhin zugute halten, Moskau perspektivisch nicht zum ausschließlichen Fokus seiner Untersuchung gemacht zu haben, sondern auch – gleichsam zu den Rändern hin – neben dem Krim-Khanat ebenfalls die Aufstellungen Polen-Litauens, der Kosakenverbände sowie des Osmanischen Reiches in ihrem militärischen Aktionsradius in der Steppe in Zahl und Gewicht mit berücksichtigt zu haben. Dort beispielsweise erfährt man etwas über den Umfang der durch die Krimtataren verschleppten russischen Gefangenen, deren Anzahl sich nach Angaben des razrjadnyj prikaz in der Periode zwischen 1600 und 1650 auf bis zu 200 000 beläuft (S. 25), oder über taktische Veränderungen in der südlichen Verteidigungslinie Polen-Litauens im 16. Jahrhundert, wo zur besseren Abwehr der Tatareneinfälle eine eigene Einheit, die obrona potoczna, errichtet wird, deren Kern man nach serbisch-osmanischem Vorbild zu einer leichten Kavallerie – racowie, ab Mitte des 16. Jahrhunderts dann die husarze – umwandelt und dadurch die Schlagkraft der Grenzarmee merklich erhöht (S. 34–35).
Der methodische Mangel der Studie kommt aber vor allem im eigenartigen Verständnis ihres maßgeblichen Begriffes – Gesellschaft – zum Vorschein. Obwohl erst kürzlich die zur Steppe vorgelegten Untersuchungen von Willard Sunderland und Michael Khodarkovsky auf nicht nur sprachlich breiterer Quellenbasis vorgemacht haben, dass kulturelle Kategorien wie Religion, Erfahrung und Imagination wichtige Bestandteile darstellen, die berücksichtigt werden müssen, wenn man über aufeinandertreffende Gesellschaften bzw. Grenzgesellschaften im weiteren Sinn Aussagen treffen möchte, bleibt Brian L. Davies bei den russischen Aushebungspraktiken und demographischen Verschiebungen in die jeweiligen Grenzregionen stehen. Hier hätte sicherlich der neuere Theoriezweig der Gewaltforschung ein dienliches Scharnier geboten, um den Krieg als gesellschaftliches Erkenntnismedium – vor allem in der Konfrontation als einer möglichen Form der Begegnung – nutzbar zu machen. Darüber hinaus unterlässt der Autor es, den Grenzcharakter selbst zu problematisieren; aus seiner unbeirrt militärhistorischen Perspektive erscheint die Grenze weniger als Kontakt- und Vermischungszone denn lediglich als voranschreitende oder zurückweichende Frontlinie. Dieser von zwei und mehr sich erbittert gegenüberstehenden Parteien beherrschten und daher vom Ausschließlichkeitscharakter geprägten Sichtweise wird sich die imperiale Form und Dynamik Russlands sicher nur unzureichend erschließen, umso mehr als die Studie den imperialen Charakter nur auf eine rein expansive, räumlich verstandene Bewegung verkürzt.
Erwartungsvoll nimmt man das Buch von Brian L. Davies in die Hand und legt es unbefriedigt wieder beiseite, nicht zuletzt aus Verwunderung darüber, ein viel versprechendes und in mehreren Richtungen theoretisch anknüpfungsfähiges Thema allzu konventionell bearbeitet zu sehen.
Roland Cvetkovski, Köln
Zitierweise: Roland Cvetkovski über: Brian L. Davies Warfare, State and Society on the Black Sea Steppe, 1500–1700. Routledge London, New York 2007. 256 S. = Warfare and History. ISBN: 978-0-415-23985-1, in: http://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Davies-Warfare-State-and-Society_DF.html (Datum des Seitenbesuchs)