Jahrbücher für Geschichte Osteuropas
Herausgegeben im Auftrag des Osteuropa-Instituts Regensburg
von Martin Schulze Wessel und Dietmar Neutatz
Band 58 (2010) H. 1, S. 101-102
Mary W. Cavender Nests of the Gentry. Family, Estate, and Local Loyalties in Provincial Russia. University of Delaware Press Newark 2007. 251 S., 1 Kte., 7 Abb.
An populären Stereotypen über den Provinzadel des Petersburger Kaiserreiches mangelt es nicht. Ökonomisch rückständig, kulturell nicht auf der Höhe europäischer Moden, seines Eigentums im Zarenstaat nicht sicher und politisch inaktiv sei er gewesen. Mary W. Cavender schließt sich in ihrer Monographie über den Adel des Gouvernements Tver’ von 1820 bis 1860 jener Historiographie an, die sich bereits seit einiger Zeit die Revision dieser gängigen Urteile auf die Fahnen geschrieben hat. Übereinstimmungen mit den Arbeiten von Valerie Kivelson, George Weickhardt, E. N. Marasinova und Priscilla Roosevelt sind insofern Programm. Mit Empathie stellt Cavender die Adligen von Tver’ als eine Gruppe vor, die ungeachtet aller Heterogenität das Lokale nicht im Widerspruch, sondern im Einklang mit Dynastie, Reich und Staat deklinierte und dabei weder auf Revolution noch auf Stagnation zielte. Leitmotiv des Buches ist die Herausarbeitung einer adligen Wertewelt, in deren Mittelpunkt die Familie und das Gut standen. Als Quellen liegen der Darstellung vor allem Reiseberichte, Publizistik, Briefe, Memoiren und Archivalien familiärer wie staatlicher Provenienz zugrunde. Die Gliederung ist streng thematisch und nimmt als Erstes unter dem Oberbegriff „home“ Emotionen, Familie und das Gut in den Blick, als Zweites Eigentum und Paternalismus, drittens dann die Agrarwirtschaft und viertens die Lokalpolitik. Positiv fällt auf, dass es dabei zu keinen Redundanzen kommt.
Besonderes Lob verdient das erste Kapitel. Hier demonstriert Cavender, wie die Familie und das Gut Fixpunkte adliger Orientierung waren. Den Reichtum der Familie zu mehren und gerecht unter den Familienmitgliedern zu verteilen, rangierte ganz oben auf der adligen Prioritätenskala. In der Praxis hatte dies eine dezidiert emotionale Zuwendung auch zu Säuglingen und kleinen Kindern zur Folge. Häufig erscheint die Mutter als zentrale Kommunikationsfigur im Briefwechsel einer Familie, der die Distanzen zwischen Peripherien des Reiches, europäischen Reise- und Studienorten sowie dem Gouvernement Tver’ überbrückte. Eindrücklich kann Cavender, an der Arbeit Richard Wortmans anknüpfend, belegen, wie die Adligen das Familienbild aufgriffen, das die Romanovs unter Nikolaus I. zum Mittelpunkt ihrer Selbstdarstellung machten. Das zweite Kapitel erhellt, wie die Adligen bei familieninternen Eigentumsstreitigkeiten darauf bedacht waren, zunächst informelle und ständische Regelungswege zu beschreiten und erst danach gegebenenfalls vor Gericht zogen. Das dritte Kapitel fällt demgegenüber etwas ab. Es beginnt mit der Infragestellung des kritischen Blicks Michael Confinos auf die adlige Agrarwirtschaft; dies lässt sich im Laufe des Kapitels nicht durchhalten. Das Gros der Adligen stand letztlich auch in Tver’ agronomischer Innovation und kapitalistischen Rechengrößen wie Kosten der Arbeitskraft und Profit distanziert gegenüber. Im vierten Kapitel entsteht ein recht ernüchterndes Bild vom lokalen Engagement der Adligen. Ausführlich werden die vom Staat geschaffenen Institutionen der adligen Selbstverwaltung vorgestellt, wobei das Gewicht der Darstellung zunächst auf den Pflichten des Adels liegt. Der lokalen „Loyalität“ des Adels, die der Untertitel ankündigt, stellen sein fahriger Beitrag zur Eindämmung der Cholera-Epidemie 1831 sowie die im Vergleich zur Kaufmannschaft geringe finanzielle Unterstützung von Institutionen der öffentlichen Wohlfahrt für Witwen, Waisen und Veteranen kein gutes Zeugnis aus. Zum Schluss verweist das Buch mithin noch einmal auf seinen Ausgangspunkt: die primäre adlige Identifizierung mit Familie und Gut, nicht jedoch mit anonymen und fernen Sozialgruppen. Die deutliche Kritik an der Leibeigenschaft, die die Adligen aus Tver’ in den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts anstimmten, muss sich mithin aus Lebenswelten gespeist haben, die partiell mit den eigenen Bauern geteilt wurden. Darüber hätte die Verfasserin durchaus ausführlicher schreiben können. Insgesamt stellt das Buch einen lesenswerten und wichtigen Beitrag zur Adelsgeschichte des Petersburger Reiches dar.
Martin Aust, Kiel
Zitierweise: Martin Aust über: Mary W. Cavender: Nests of the Gentry. Family, Estate, and Local Loyalties in Provincial Russia. University of Delaware Press Newark 2007. ISBN: 978-0-87413-979-2, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. Neue Folge, 58 (2010) H. 1, S. 101-102: http://www.oei-dokumente/JGO/Rez/Aust_Cavender_Nests_of_the_Gentry.html (Datum des Seitenbesuchs)